Ein Abend mit einem Independant-Verlag

Gestern Abend hatte ich die wunderbare Gelegenheit in der Erlangen Stadtbibliothek nicht nur eine, sondern gleich zwei Lesungen zu besuchen, die gekrönt wurde von der Vorstellung des Verlages selbst. Hierbei handelt es sich um den homunculus verlag. Ein kleiner, aber feiner Indie-Verlag.

Über den homunculus verlag

Sebastian Frenzel, Laura Jacobi, Philip Krömer und Joseph F. E. Reinthaler bildeten noch während ihres Studiums 2015 den homunculus verlag in Erlangen. Die Vier haben sich an der Erlanger Friedrich-Alexander-Universität kennengelernt und haben bei einem Hörbuchprojekt gemerkt, dass sie gut zusammenarbeiten können. Zudem fanden sie, dass die beste Zeit etwas zu wagen direkt nach dem Studium sei. Gute Voraussetzungen also, um einen Verlag zu gründen.

Die Namenswahl

Oftmals hören die Verleger, dass der Verlagsname klingt, als würde es sich um einen Verlag mit langer Geschicht handeln. Dies war jedoch nicht der ausschlaggebende Grund. Den Nachnamen als Verlagsnamen zu nutzen, wie viele bekannte Verlage (so etwa Fischer, Rowohlt, und Suhrkamp), wollten die Studenten nicht gehen. Einerseits, weil er mit vier Verlegern recht lang geworden wäre und andererseits, weil sich die vier Verleger als ebenbürtig ansehen und es keinen vorstehenden Verlagsleiter gibt.

Wie sie schlussendlich auf den Namen gekommen sind, ist den Vieren selbt nicht mehr ganz klar. Eines Tages stand der Name einfach im Raum. Besonders gefallen ihnen aber die Assoziationen. Homunuculus bedeutet „kleines Menschlein“. Einerseits kann damit das kleine Menschlein gemeint sein, das man als Stimme im Kopf hört, wenn man einen Text liest. Andererseits hat es auch die Assoziation aus unlebendigen Material einen Menschen zu formen (siehe Goethes Faust II). Das Sinnbild der Kreativität also.

Das Programm

Kreativität ist es auch, was sich in ihrem Programm widerspiegelt. Als Buch-und Literaturwissenschaftler legen sie alle Wert auf Qualität – inhaltlich und ästhetisch. Sie verlegen Belletristik, vor allem Klassiker und Gegenswartsliteratur, aber auch dem Trend des E-Books sind sie nicht abgeneigt. Neben Non-Book Artikeln bieten sie auch die Literaturzeitschrift Seitenstechen (erscheint jährlich) an.

Statt sich also, wie andere Kleinverlage, eine Nische zu suchen, bieten sie ein breit aufgefächertes Programm an. Herausstechen möchten sie dabei mit bibliophilen Ausgaben, die ihre Liebe zur Literatur widerspiegeln. Neben dieser zeigt sich außerdem auch ein Faible für das Skurrile. Das beweist auch schon ein Blick ins Verlagsprogramm.

Die Zukunft

Zur Zeit halten sich die Verlagsgründer noch mit Nebenjobs über Wasser und zwei der vier Verlagsmitarbeiter befinden sich in den letzten Zügen des Studiums. Zwar können sie vom Verlag selbst noch nicht leben, aber homunculus soll keineswegs ein Hobby bleiben und soll sich irgendwann auch tragen. Bis dahin wird es noch ein wenig dauern, aber ihre bisherige Arbeit wird durchaus bereits geschätzt. So wurden sie mit dem IHK-Kulturpreis der mittelfränkischen Wirtschaft in der Sparte Literatur ausgezeichnet.

Ende August hat der Bayerische Rundfunk ein Interview mit dem Verlag aufgenommen. Dieses kann man hier nachhören. Auch die Friedrich-Alexander-Universität hat bereits einen Video-Beitrag über den Erlanger Verlag verfasst. Diesen könnt ihr hier sehen:

Der Abend mit dem homunculus verlag

Passend zum ersten Punkt des Abends, war der Innenhof der Stadtbibliothek liebevoll passend gestaltet. Mit Bierbänken und -tischen eingedeckt, Ausschank von Bier, und kleinen Snackbrezeln war man bestens versorgt.

Den ersten Teil des Abends bildetete die Lesung aus, oder eher von, einer Tischdecke. Darauf abgedruckt ist die Bayerische Biergartenverordnung, die ergänzt wird durch einen poetischen und einen jursitischen Kommentar. Die Veröffentlichung war passend zum Jubiläum des Reinheitsgebots.

Die Herstellung – so die Verleger – gestaltete sich schwieriger als gedacht. Bewusst hat man sich gegen Papier als Material entschieden, da dieses leicht reißt. So begann die Suche nach dem richtigen Stoff, schließlich hat man einen gewissen Anspruch auf Qualität. Kennt man sich als Verleger mit Papier aus, ist Stoff im Literaturbetrieb doch ein unüblicheres Material. Mit viel Geduld gelang es aber dann doch und die Tischdecke ist wirklich schön geworden. Diese hat übrigens eine ISBN-Nummer, ist also technisch gesehen ein Buch (und nicht Non-Book Artikel, wie man annehmen könnte).

Der zweite Teil des Abends war eine Lesung im klassischen Sinne; das heißt ein Autor hat aus seinem Buch vorgelesen. Der Autor ist Philip Krömer und das Buch trägt den Titel Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel.

Inhalt: Drei Männer begeben sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf eine Expedition nach Island. Ihr Auftrag ist es, ein scheinbar bodenloses Loch zu untersuchen, dessen Geheimnisse den im Ausbruch begriffenen Krieg entscheiden könnten. Doch niemand hat sie auf das vorbereitet, was sie tief im Inneren der Erde erwartet …
Ein Roman über Geschichte und die Möglichkeiten ihrer Vermittlung, über Weltentwürfe und deren Zerbrechlichkeit, und nicht zuletzt über die Macht des Wortes.

ymir-cover

Optisch ist der Roman wunderschön aufgemacht; surbalingebunden, Lesebändchen, auffälliges Cover, und innerhalb des Textes ergänzt mit faszinierenden alten Anatomie-Studien. Alles, was das Buchliebhaberherz höher schlagen lässt.

Der Autor ist noch Student und Teil des Verlegerteams. Krömer hat für sein Buch viel Recherche betrieben und meint selbst Ymir ist ein Abenteuerroman, der eine Homage an Jules Vernes Die Reise zum Mittelpunkt der Erde darbietet, aber dennoch nicht exakt dasselbe ist.
„Wer alle Wedungen vorraussieht, hat einen Preis verdient“, sagt Krömer am Schluss seiner Lesung.

Der Anfang des Buches klingt skurril und sehr interessant. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, wer aber Interesse an einer Rezension hat, dem möchte ich sowohl Katharina Erlenweins Reise in die germanische Unterwelt als auch die Stimmen-Sektion auf der Verlags-Website an die Hand geben.

Im dritten Teil des Abends plauderten zwei der Verleger etwas aus den Nähkästchen. Sie gaben lustige Anekdoten vom ersten Messeerlebnis zum Besten (niemals bei der Planung die Kissen vergessen!) und erklärten wie sie neue Manuskripte entdecken. Weiterhin erzählten sie von der Namensfindung für ihren Verlag, wie sie sich überhaupt erst gefunden haben und wie sie sich dazu entschieden haben einen Verlag zu gründen.

Alles in allem ein sehr gelungener und unterhaltsamer Abend in der Erlangen Stadtbibliothek mit dem Independant Verlag homunculus. Ich wünsche den Verlegern viel Erfolg in ihrem Schaffen und drücke ihnen die Daumen, dass sie den Traum von ihrer Verlagsarbeit leben zu können, verwirklichen können.


Bildquellen:
Header
Ymir Cover

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